Die Prinzipien von Ikebana.
Erfahre in diesem Blog, was Ikebana wirklich ausmacht – und was es braucht, damit aus einzelnen Blumen kein gewöhnlicher Blumenstrauss entsteht, sondern ein anmutiges, lebendiges japanisches Gesteck voller Ausdruck und Stille.
Ikebana ist mehrere Jahrhunderte alt und hat sich im Laufe der Zeit ständig entwickelt. Es bildeten sich Schulen, indem sich Blumenmeister vom Hauptzweig trennten, ihren eigenen Stil lebten und ihn unterrichteten. Die Konstante, die überall zu finden ist, sind die Prinzipien dieser Kunst, ob im klassischen oder modernen Stil. Die folgenden fünf Prinzipien sind in den Arrangements immer wieder erkennbar.
- Der Raum, um die Schönheit jedes einzelnen Elements zur Geltung zu bringen
- Die Asymmetrie, um die Lebendigkeit hervorzubringen
- Der Kontrast, um die sich ergänzende Dualität des Universums darzustellen
- Die Reduktion, um die Essenz und das Wesentliche auszudrücken
- Die Harmonie als leitender Faden und als Ziel unseres Tuns und Daseins
Raum
Die Fülle der Leere: Leerer Raum ist nicht nichts, sondern die wichtigste Voraussetzung, damit sich Leben überhaupt entfalten kann. Im Ikebana werden daher nicht eigentlich Blumen gesteckt, sondern Raum. Erst durch den Raum bekommt das, was gesteckt wurde, Relevanz. In der japanischen Sprache hat der leere Raum sogar einen eigenen Namen: Ma. Ein hochphilosophisches Prinzip, welches das Ikebana durchdringt. Dieses Prinzip unterscheidet sich massgeblich von der traditionellen Floristik, bei der eher Formen gebildet werden; doch auch in der modernen Floristik wird der Raum immer wichtiger.
Auffällig bei Ikebana-Gestecken ist auch die für unser Auge zum Teil übermässige Ausdehnung. Diese Weite und Dreidimensionalität ergibt sich durch das «Abstecken von Raum».
Kontrast
Der Kontrast wird mit dem bekannten Yin-Yang-Prinzip umgesetzt. Komplementäre Gegensätze, die im Leben überall vorkommen, werden im Ikebana eingeflochten. Die Kunst ist, das Yin-Yang-Prinzip mit Pflanzen so umzusetzen, dass die Gegensätze einander ergänzen.
Das Bewusste Einsetzen von Kontrast verleiht dem Ikebana die Dynamik und Spannung, die es als Ganzes so interessant und ansprechend macht.
Asymmetrie
Asymmetrie bedeutet «nicht im Gleichgewicht», «unfertig», «unvollkommen» – und gerade das erzeugt interessante Spannung. Sie lässt nämlich die Möglichkeit offen, dass sich etwas verändern kann. Etwas, was sich im symmetrischen Gleichgewicht befindet, ist statisch. Asymmetrie hingegen erlaubt und bedingt sogar Entwicklung und Bewegung. Somit hat auch dieses Prinzip mit dem Leben zu tun.
Mit unterschiedlichen Längen der Zweige und Blumen zu spielen, bringt die Asymmetrie im Ikebana zum Ausdruck.
Reduktion
Durch Minimalismus, Schlichtheit, Einfachheit wird die Essenz zur Geltung gebracht. Dadurch wird das Wesentliche jeder Pflanze sichtbar gemacht. Die Herausforderung besteht darin, dieses Wesentliche, den Charakter jeder individuellen Pflanze, zu erkennen und künstlerisch zu «übersetzen». Es gilt die den Pflanzen eigene Natur zu erkennen und sie stilistisch darzustellen.
Erreicht wird Reduktion durch das Verwenden weniger Materialien und durch das Entfernen von allem, was überflüssig ist.
Harmonie und Balance
Das übergeordnete Ziel ist, nicht trotz, sondern mit Kontrast und Asymmetrie Harmonie zu gestalten. Während es in der Symmetrie einfach ist, Harmonie darzustellen, muss in der Asymmetrie erst eine Balance erzeugt werden. Nur so gelingt es, ein in sich abgerundetes Ikebana zu gestalten.
Achtsamkeit und ein geschultes Auge helfen, die ästhetische Harmonie zu finden – und damit letztlich auch Harmonie in unserem Sein.