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Lesetipp: Staudengarten von Piet Oudolf

Publiziert am 03.11.2020 von Giardina
Vitra Bild 1

<<erschienen in dergartenbau 14/2020>>

In den letzten Wochen entstand vor dem Vitra Haus in Weil am Rhein ein Staudenparadies: Auf etwa 4000 m2 wurden mit etwa 114 Arten über 36 000 Stauden und Gräser gepflanzt. Für die Planung konnte der niederländische Gartendesigner Piet Oudolf gewonnen werden. Mit seinem naturalistischen Stil hat er international grosses Ansehen erlangt. Seine Gärten werden auf der ganzen Welt geschätzt.

Bislang standen auf dem Gelände des neuen Staudengartens mehrere 6 bis 8 m hohe Kirschbaum-Hochstämme. Ausser einem älteren Exemplar, das das eigentliche Zentrum des neuen Gartens bildet, wurden alle erfolgreich verpflanzt und im angrenzenden Obstgarten integriert. Piet Oudolf wollte mit dem in drei bis vier verschiedenen Zonen gegliederten Garten ein für die Besucherinnen und Besucher sinnliches Erlebnis schaffen. Damit sie ihn ganzheitlich geniessen können, entwarf er ein System aus geschwungenen Wegen, das durch den Garten führt.

Drei Pflanzprinzipien
Die mittleren Partien werden durch eine Matrixpflanzung geprägt. Den Grundteppich bildet dabei das Tautropfengras (Sporobolus heterolepis). Darin sind Gruppen von z. B. Salbei (Salvia pratensis ‘Rhapsody in Blue’), Sonnenbraut (Helenium ‘Moerheim Beauty’) oder Indianernessel (Monarda bradburiana) angeordnet. Weiter wurden sogenannte «scattered plants» (Streupflanzen) wie Bleicher Scheinsonnenhut (Echinacea pallida ‘Hula Dancer’) oder Seidenpflanzen (Asclepias tuberosa) locker eingestreut. Höherwüchsige «individual plants» (Stauden mit solitärer Wirkung) strukturieren die wiesenartige Matrixpflanzung und verbinden die vier Teilbereiche miteinander. Aufgrund einiger sich selbst versamender Arten ist bei diesem Bepflanzungstyp in den nächsten Jahren mit einer gewissen Dynamik zu rechnen. Insgesamt haben die wiesenartigen Pflanzungen einen sehr natürlichen Charakter.

Die angrenzenden Bereiche wurden mit einer komplexeren Blockpflanzung ausgeführt, in die ebenfalls sowohl einzelne Stauden gezielt eingestreut als auch individuelle Gruppen oder Einzelpflanzen als Gerüstbildner gesetzt wurden. Das klassische Bild der Blockpflanzung erfuhr dadurch eine Art Modernisierung, sodass die Pflanzung natürlicher und zufälliger anmutet, obwohl jede Pflanze einen vordefinierten Standort hat.

Piet Oudolf setzt, den eigenen Angaben zufolge, vor allem Pflanzen nebeneinander, die sich zusammen wohlfühlen. Als profunder Pflanzenkenner kann er hierbei aus dem Vollen schöpfen. Seine Art zu pflanzen, ist eher visuelle Ökologie. Viele Menschen spricht er mit genau dieser doch eigenwilligen Ästhetik an.

Substrat und Bewässerung
Um optimale Lebensbedingungen für die Stauden zu schaffen, wurde ein Staudensubstrat der Firma Gelsenrot verwendet. Der Einbau erfolgte in einer Schichtstärke von 30 bis 35 cm. Die Randeinfassungen und Wege wurden durch eine Strassenbaufirma ausgeführt.

Da für die Anfangsbewässerung keine Tropfschläuche auf der Fläche sichtbar sein sollten, wird auf der Hauptfläche von oben mit Standrohren bewässert. Nach der Anwachsphase können diese relativ einfach mit Schnellverschlüssen demontiert werden. Bei extremen Witterungsperioden werden sie dann kurzfristig wieder aufgebaut. Nach Angaben von Oudolf braucht die gewählte Begrünung jedoch nur in extremen Wetterperioden zusätzlich Wasser. In den Bereichen um das Vitra Haus sollte vermieden werden, dass Fassaden, Fenster und Wege nass gespritzt werden, weshalb hier Tropfschläuche unterirdisch verlegt wurden. Pro Woche ist eine Wassergabe von 20 l pro Quadratmeter vorgesehen.

Akribische Auslegetechnik   
Die Bepflanzungsbilder sind vielseitig und in der Realisierung höchst anspruchsvoll. Um diese umzusetzen, war ein grosser Aufwand nötig. Die Staudengruppen sind dabei in der Regel nicht grösser als 25 bis 50 Stück pro Art. Über die gesamte Fläche wurde in quadratischen Feldern ein Raster mit Absteckschnüren gezogen. Die Bepflanzungsrahmen wurden einzeln am Boden angezeichnet und in jedes dieser Felder die Pflanzenart sowie die Menge eingetragen. Zusätzlich wurden zwei Etiketten der zukünftigen Stauden gesteckt. Beim Verteilen der Stauden wurde dann ein Etikett entnommen und die Stauden bereitgestellt. Nach dem Auslegen wurde das Etikett wieder an seinen ursprünglichen Ort gesteckt. Dieser Prozess des Bereitstellens der Stauden und des Auslegens auf den Flächen war sehr zeitintensiv.

Infolge der Corona-Pandemie durfte Piet Oudolf nicht aus den Niederlanden ausreisen. Durch sein grosses, internationales Beziehungsnetz hat er mit Bettina Jaugstetter eine bekannte deutsche Gartenarchitektin und versierte Pflanzenkennerin für die Ausführung seiner Arbeit gewinnen können. Täglich wollte er informiert werden, sodass jeweils jeden Morgen längere Telefonkonferenzen abgehalten wurden. Jaugstetter lief zudem mit dem Handy durch den Garten, um dem Planer alles genau zu zeigen. Neue Bilder, die er täglich ins Netz stellte, wurden am gleichen Tag von mehreren Tausend Personen weltweit abgerufen.

Vitra Bild 2

Etliche Pflanzenarten wurden, bei Temperaturen von über 25 °C, wurzelnackt geliefert. Diese Art der Anlieferung und Auspflanzung wird bei Stauden immer öfter praktiziert. Beim Pflanzen dieser wurzelnackten Stauden ist es sehr wichtig, dass sie nach dem Pflanzen einige Tage ausnahmslos schattiert werden. Zu diesem Zweck wurden umgedrehte Transportkisten über die gerade gesetzten Jungpflanzen gestülpt. Nach einigen Wochen hat sich gezeigt, dass die wurzelnackten Stauden ebenso gut angewachsen sind wie die gepflanzte Ballenware. Ein wichtiger Arbeitsgang war zudem das sogenannte «Abranden» des obersten Zentimeters der getopften Stauden vor dem Pflanzen. Denn dort sitzen oft Unkräuter, die später bei der Pflege leicht übersehen werden können. Diese Arbeit minimiert den zukünftigen Pflegeaufwand erheblich.

Bei einer Staudenbepflanzung dieser Art werden in der Regel sechs bis sieben Pflanzen pro Quadratmeter gerechnet. Die Anzahl variiert je nach Pflanzenart. Oudolf hat auf dem Vitra Campus im Schnitt neun bis neuneinhalb Pflanzen pro Quadratmeter verwendet. Für die gesamten Pflanzarbeiten war eine Pflanzequipe mit acht bis zehn Personen fast vier Wochen lang im Einsatz.

Text und Bilder: Roger Ingold, Gärtnermeister, Oberwil-Lieli

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